Muslimische Künste als Forschungsfeld
Das MAI – Muslim Art Institute / Institut der muslimischen Künste und Kulturen entwickelt einen interdisziplinär ausgerichteten Forschungs- und Dokumentationsbereich zu Geschichte, Materialität und Gegenwart muslimischer Künste und Kulturen.
Der Forschungsbereich befindet sich gegenwärtig im Aufbau. Er ist als Plattform konzipiert, an der kunsthistorische, kulturwissenschaftliche und praxisbasierte Forschung mit künstlerischem und handwerklichem Wissen in Beziehung gesetzt werden soll.
Im Zentrum stehen Kunst- und Gestaltungstraditionen, die in muslimisch geprägten Gesellschaften entstanden, weiterentwickelt und über regionale, sprachliche und kulturelle Kontexte hinweg vermittelt wurden. Dazu zählen insbesondere Kalligrafie, Ornamentik, Buchkunst, Mosaik- und Zellijtraditionen, Stuck- und Architekturdekoration sowie weitere Formen materieller und angewandter Kunst.
Forschungsfelder
Ein Schwerpunkt soll auf der Untersuchung jener Wissenssysteme liegen, die künstlerischen und handwerklichen Praktiken zugrunde liegen. Neben Werken und Artefakten sollen daher auch Materialien, Werkzeuge, Herstellungsverfahren, Gestaltungsprinzipien, Werkstatttraditionen und historische Formen der Wissensweitergabe Gegenstand der Forschung werden.
Von besonderem Interesse ist das Verhältnis zwischen materieller Kultur, künstlerischer Praxis und Wissensgeschichte. Traditionelle Kunstformen sollen dabei nicht ausschließlich als abgeschlossene historische Phänomene betrachtet werden, sondern in ihren jeweiligen Entstehungsbedingungen, Überlieferungsstrukturen und gegenwärtigen Transformationen untersucht werden.
Damit richtet sich der Blick sowohl auf die Geschichte einzelner Formen und Techniken als auch auf die sozialen, kulturellen und intellektuellen Kontexte, innerhalb derer künstlerisches Wissen produziert und weitergegeben wurde.
Wissens- und Transfergeschichte
Ein weiteres Forschungsfeld bilden die historischen Verflechtungen muslimischer Kunst- und Wissenskulturen.
Künstlerische Formen, Techniken und Materialien entwickelten sich über Jahrhunderte hinweg in komplexen Austauschprozessen zwischen unterschiedlichen Regionen und Gesellschaften. Der geplante Forschungsbereich soll solche Transferbewegungen, Übersetzungsprozesse und lokalen Transformationen untersuchen und damit vereinfachende Vorstellungen voneinander isolierter Kunsttraditionen hinterfragen.
Berücksichtigt werden sollen sowohl regionale Spezifika als auch transregionale Beziehungen zwischen Nordafrika, West- und Zentralasien, dem osmanischen Raum, dem Mittelmeerraum und weiteren historischen Kontaktzonen.
Praxisbasiertes Wissen
Ein besonderes Profil des MAI soll in der Verbindung wissenschaftlicher Forschung mit künstlerischer und handwerklicher Praxis entstehen.
Nicht jedes Wissen über Kunst ist vollständig in Texten, Archiven oder musealen Sammlungen dokumentiert. Techniken und Herstellungsprozesse werden vielfach durch praktische Unterweisung, Beobachtung und wiederholte Ausführung vermittelt.
Das MAI möchte deshalb langfristig auch Künstler:innen, Handwerker:innen und andere Träger:innen praktischen Wissens in Forschungs- und Dokumentationsprozesse einbeziehen. Praxis soll dabei nicht lediglich Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung sein, sondern als eigenständige Form der Wissensproduktion ernst genommen werden.
Kooperation und wissenschaftlicher Austausch
Mit dem institutionellen Aufbau des MAI soll schrittweise ein Netzwerk aus Hochschulen, Museen, Archiven, Forschungsinstitutionen sowie Künstler:innen, Handwerker:innen und weiteren Fachpersonen entstehen.
Angestrebt werden Kooperationen, durch die unterschiedliche fachliche und methodische Perspektiven zusammengeführt und gemeinsame Forschungs-, Dokumentations- und Vermittlungsvorhaben entwickelt werden können.
Von besonderer Bedeutung ist dabei der Austausch zwischen akademischen Wissensformen und jenen Wissensbeständen, die innerhalb künstlerischer und handwerklicher Praxis tradiert werden.
Publikation und Dokumentation
Perspektivisch soll die Forschungsarbeit durch Publikationen, Essays, Interviews, Dokumentationen und digitale Formate öffentlich zugänglich gemacht werden.
Neben wissenschaftlichen Beiträgen sollen auch Werkstattwissen, Herstellungsprozesse, Gespräche mit Künstler:innen und Handwerker:innen sowie bislang wenig dokumentierte Wissensbestände erfasst und kontextualisiert werden.
Auf diese Weise soll langfristig eine Forschungs- und Dokumentationsstruktur entstehen, die historische Forschung, materielle Kultur und gegenwärtige künstlerische Praxis miteinander verbindet.
Forschungsverständnis
Das MAI versteht die Erforschung muslimischer Künste nicht ausschließlich als retrospektive Beschäftigung mit einem abgeschlossenen kulturellen Erbe.
Ausgangspunkt ist vielmehr die Annahme, dass muslimische Kunst- und Gestaltungstraditionen Teil historisch gewachsener und bis in die Gegenwart fortwirkender Wissenskulturen sind. Ihre Erforschung schließt daher Fragen nach Herkunft und Geschichte ebenso ein wie Fragen nach Überlieferung, Transformation und gegenwärtiger künstlerischer Praxis.
Ziel ist der langfristige Aufbau eines Forschungsumfelds, in dem Kunstgeschichte, materielle Kultur, künstlerische Praxis und handwerkliche Wissensformen systematisch miteinander in Beziehung gesetzt werden.